Der Apostelbrief

April - Mai 2020
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Nr. 139

Lob der Lüge

Ein Gastbeitrag

Halt, liebe Leserin, lieber Leser: bitte nehmen Sie Ihre Hand, mit der Sie mich beim Lesen der Überschrift im Geiste schon bei der Gurgel gepackt haben, wieder zurück! Danke! Natürlich will ich nicht einer systematischen skrupellosen Lügnerei aus egoistischen Motiven das Wort reden. Vielmehr erscheint mir hier eine etwas differenziertere Betrachtungsweise angebracht. Die folgenden Gedanken geben meinen Beitrag zu einer Diskussion wieder, die ich kürzlich in Kirchenkreisen hatte.

Ob es uns gefällt oder nicht: unser tägliches Leben ist voller kleiner Lügen, mit denen wir unser Gesicht wahren, unser Gegenüber nicht unnötig verletzen, oder uns komplizierte und langatmige Erklärungen ersparen wollen. Eine der häufigsten kleinen Alltagslügen besteht ja nur aus zwei Worten: „Danke, gut.“

Die Bibel findet zum Problem von Lüge und Wahrheit drastische Worte. Die sündige Menschheit habe „Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt“, schimpft der Apostel Paulus . In den Versen 9 und 10 des Timotheusbriefs stellt er Lügner in eine Reihe mit Elternmördern, Kinderschändern und Menschenhändlern. „Christen sollen nur die Wahrheit reden“, schreibt er an anderer Stelle. „Ein Mund, der lügt, tötet die Seele“, heißt es gar in Vers 11 des Buchs der Weisheit. „Eine unerträgliche Wahrheit ist immer besser als eine erträgliche Lüge“, las ich neulich. Derartige „Kalenderweisheiten“ findet man in Ratgebern und im Internet zuhauf.

Aber stimmt das? Und falls ja, funktioniert es? Abraham bediente sich laut Altem Testament gleich mehrfach einer Notlüge. Zweimal gab er seine schöne Frau Sara als Schwester aus, weil er fürchtete, neidische Fremde könnten ihn aus dem Weg räumen, um sich dann die Witwe als Frau zu nehmen. Solche Erzählungen hinderten Christen aber offenbar nie daran, Abraham als Glaubensvorbild zu verehren; offenbar empfinden wir solche Lügen als verzeihlich.

In anderen Fällen scheinen wir weniger nachsichtig zu sein. Petrus, später einer der wichtigsten Apostel, war der Palastwache nach Jesu Verhaftung bis in den Hof des Hohepriesters gefolgt. Dort erkennt ihn eine Magd: „Du warst doch auch mit dem Jesus aus Galiläa.“ Petrus leugnet: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Auch eine Notlüge – aber die nahm man dem Jünger übel. Sie haftet Petrus bis heute als Makel an.

Es gibt allerdings auch Lügen, die – aus reiner Liebe geboren und einem hehren Ziel dienend – ein ganzes Leben zum Guten wenden können. Die folgende Geschichte bewegt mich immer wieder, seit ich sie zum ersten Mal las.

Thomas Edison, besonders bekannt als Erfinder der Glühbirne, war fast taub. Im ersten Jahr der Grundschule, als er noch nicht lesen konnte, brachte er eines Tages einen Brief seines Lehrers mit, den er seiner Mutter geben sollte. Die öffnete ihn, überflog ihn und las ihn dann mit Tränen in den Augen ihrem Sohn laut vor: „Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist nicht groß genug für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte, unterrichten Sie ihn selbst!“ Was sie dann auch tat – mit fantastischem Erfolg: er wurde einer der fantasiereichsten Erfinder und brillantesten Denker seiner Zeit.

Viele Jahre später – nach dem Tod seiner Mutter – fand Edison diesen Brief im mütterlichen Nachlass. Er konnte ihn nun selber lesen, und da stand in Wirklichkeit: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben!“

Dr. Jürgen Appell