Der Apostelbrief

Juni - Juli 2020
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Nr. 140

Wie ich die Coronakrise als Ärztin im Krankenhaus erlebt habe

Stefanie HeldStefanie Held

Ich arbeite als Oberärztin in der Inneren Abteilung eines kommunalen grundversorgenden 200-Betten-Krankenhauses mit internistisch-neurologischer/chirurgischer und gynäkologischer Abteilung.

Spätestens mit den beängstigenden Reportagen und Bildern aus Italien mit überfüllten Krankenhäusern, überforderten Ärzten/Pflegern, Militärfahrzeuge, die Leichen transportieren, wurde der Ernst der Lage erschreckend deutlich.

Frühzeitig wurde in unserer Klinik ein Krisenstab eingerichtet, der fortan 3x wöchentlich zusammentrifft. Mit großer Konsequenz wurden die Empfehlungen und Vorgaben des Robert-Koch-Institutes und der Politik umgesetzt, aber auch auf aktuelle Fragestellungen/Probleme reagiert: Geplante Operationen wurden zurückfahren und schließlich ganz gestrichen, eine 40-Betten-Station zu einer Infektionsstation für potenzielle CoVid-19 Patienten freigehalten, ebenso einige Betten auf der Intensivstation (hier mussten eilige bauliche Maßnahmen zur Schaffung von Schleusen ergriffen werden). Personal wurde geschult im Hinblick auf spezielle Aspekte der Erkrankung und Hygienemaßnahmen (welche letztlich denen z.B. der Grippeerkrankung entsprechen). Frühzeitig wurde auch ein komplettes Besuchsverbot für Angehörige ausgesprochen. Lediglich kritisch Kranke bzw. Sterbende dürfen zur Zeit nach Rücksprache besucht werden. Auch Klinikseelsorge vor Ort ist nicht mehr möglich, ebenso Betreuung von Sterbenden durch Geistliche. Das gesamte Klinikpersonal muss bereits seit Mitte März permanent einen Mund-Nasenschutz tragen. Zusätzliche abteilungsübergreifende Dienstpläne wurden erstellt, für den Fall, dass viele Corona-Patienten zeitgleich eintreffen, Urlaubssperren angedacht usw.

Wie haben sich die Maßnahmen ausgewirkt? Phasenweise waren – wie gewollt – extrem wenige Patienten da. Auch erstaunlich wenige der üblichen Akuterkrankten. Einige äußerten direkt Angst davor, ins Krankenhaus zu gehen und sich dadurch einer Infektionsgefahr auszusetzen. Im Ambulanzbereich sagte ein Großteil der Patienten ihre Termine selbstständig ab. Auffallend war die daraufhin ungewöhnliche, extreme Ruhe in der Klinik, in der es oft so hektisch zugeht. Immer wieder wird sie als „gespenstisch“ ruhig beschrieben, oder wie „die Ruhe vor dem Sturm“, sodass dennoch eine deutliche Anspannung zu spüren war. Insgesamt war das Arbeiten dadurch in vielen Bereichen im Vergleich zum normalen Alltag aber sogar deutlich weniger hektisch und entschleunigter (mit Ausnahme naturgemäß der Intensivstation). Konträr zum eigentlich erwarteten Bild, konnten tatsächlich sowohl ärztliche als auch Mitarbeiter*innen der Pflege sogar Überstunden abbauen.

Sorge bestand immer mal wieder kurzzeitig wegen drohender Lieferengpässe von Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel. Durch großes Engagement, teilweise auch Spenden von ortsansässigen Firmen konnte aber die erforderliche Ausrüstung immer ausreichend beschafft werden, sie wird allerdings strengstens sanktioniert.

Und wie sah es nun konkret mit Coronapatienten aus? Ein befürchteter schwer zu bewältigender Ansturm blieb erfreulicherweise aus. Die absolute Zahl blieb bis zuletzt im einstelligen Bereich der zeitgleich betreuten Patienten und damit jederzeit überschaubar. Darunter waren aber einige schwerstkranke, beatmungspflichtige Patienten, die über längere Zeiträume auf der Intensivstation betreut werden mussten. Einige ältere und vorerkrankte Patienten überlebten dennoch nicht.

Auch einzelne Kolleg*innen/Mitarbeiter*innen erkrankten (die sich jedoch alle höchstwahrscheinlich außerhalb der Klinik infiziert hatten). Dies führte zu engmaschigen Kontrollen aller Kontaktpersonen (Mitarbeiter*innen, wie Patient*innen). Erfreulicherweise hatte sich kein Einziger in diesem Zusammenhang angesteckt und die Betroffenen selbst hatten insgesamt unkomplizierte Verläufe. Die Angst mich selber in der Klinik anzustecken ist wie auch allgemein unter den Klinikmitarbeiter*innen gering.

Ich bin sehr froh, dass wir in Deutschland mit Ausnahme einiger Regionen/Städte/Krankenhäuser von Ausmaßen wie in anderen europäischen Ländern größtenteils verschont blieben und das Gesundheitssystem letztlich nicht an seine Grenzen stieß. Woran es lag? Gute Vorbereitung, grundsätzlich größere Anzahl an Krankenhaus-/Intensivbetten, die relativ frühzeitig ergriffenen Ausgangsbeschränkungen?

In Bezug auf den Klinikbetrieb bin ich gespannt, wie wieder zu einer Art „Normalität“ zurückgekehrt werden kann, was bleibt, bzw. woraus in der Zukunft gelernt werden kann.

Konkret wird wohl das Tragen des Mund-Nasenschutzes lange bleiben.

Als Erstes wird die Zahl der planbaren OP wieder steigen und muss es auch. Auch „planbare“ Eingriffe sind ja grundsätzlich indiziert und werden mit der Zeit immer dringlicher.

Die Produktion von Schutzausrüstung wie auch einen Großteil der Medikamente überwiegend in aussereuopäischen, v.a. in asiatischen Ländern, hat sich als problematisch erwiesen. Dies wird seit längerem beanstandet und muss überdacht werden.

Wie viele Patienten in dieser Zeit durch Zurückstellung von Behandlungen/Eingriffen oder aus Angst sich zu infizieren nicht den Arzt aufsuchten und sich Diagnosestellungen dadurch verzögerten, wird vermutlich nicht zu ermitteln sein.

Besonders belastend wird von vielen Angehörigen das Besuchsverbot nicht nur für Krankenhäuser, sondern besonders auch für Alten- und Pflegeheime empfunden. Vor allem in Situationen, in denen eine Kommunikation nur noch schwer möglich ist, z.B. bei dementen Patienten, bei solchen mit Sprachstörungen nach Schlaganfällen oder sonstigen schweren Behinderungen, und/oder bei denen die Lebenszeit erwartbar gering ist. Viel von ihnen werden, obwohl im Pflegeheim lebend, oft täglich begleitet und mitversorgt. Umso bedrohlicher wird die Situation, wenn diese Menschen wegen einer akuten Erkrankung ins Krankenhaus müssen. Wiederholt berichteten Angehörige von ihrer Sorge, weil sie Ihre Nächsten z.B. seit Wochen nicht mehr gesehen haben. In einem Allgemeinkankenhaus geht es natürlich in erster Linie um die körperliche Gesundheit und Genesung. Die Sorge um das seelische und geistige Wohl tritt hinter das rein körperliche gerade in der Coronakrise sehr zurück. Es wird meines Erachtens nicht ausreichend beachtet, gehört aber in hohem Masse zu dem, was die viel beschworene „Würde des Menschen“ ausmacht. Trotz aller berechtigter weiterhin bestehender Vorsichtsmaßnahmen zur Infektionsvermeidung wie Kontakteinschränkungen, Hygieneregeln etc. wünsche ich mir eine rasche Wiederaufnahme seelsorgerischer / geistlicher Begleitung und Angebote direkt am Krankenbett, auch durch physische Anwesenheit, falls gewünscht. Ich halte sie für sehr wichtig und risikolos vertretbar.

Viele Mitarbeiter*innen im Pflegebereich arbeiten oft seit Jahren bis an die Belastungsgrenze und darüber hinaus. Sie haben in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, ohne wirklich ernstgenommen zu werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ihnen in dieser Krise zuteil wird und die längst überfällig war, bleibt und zu besserer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen führen.

Soweit ein paar Gedanken dazu, wie ich die Coronapandemie bisher als Ärztin im Klinikalltag erlebt habe.

In der Haut politisch Verantwortlicher zu stecken in dieser außergewöhnlichen, so nicht vorhersehbaren Situation, ist eine schwere Aufgabe. Während dieser Artikel entsteht, stehen die Zeichen erfreulicherweise auf Entspannung und Lockerung der verfügten Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Ich freue mich besonders, dass im kirchlichen / gemeindlichen Bereich wieder reale Gemeinschaft im Rahmen von Gottesdiensten vor Ort erlebbar ist. Mit großem Respekt für mögliche Risikogruppen natürlich zunächst unter Berücksichtigung empfohlener Hygienemassnahmen. Gemeinschaft und direkter Kontakt zu Mitmenschen gehört für mich unbedingt und unverzichtbar zu einem guten, würdigen und christlichen Leben dazu.

Ich hoffe, dass Sie gut und gesund durch diese Zeit gekommen sind und freue mich, wenn wir uns in der Apostelkirche demnächst wiedersehen.

Mich / uns interessiert, wie Sie diese Zeit erleben / erlebt haben.

Vielleicht mögen Sie uns ihre Erfahrungen schreiben?

Stefanie Held