Der Apostelbrief

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Vorurteilsfrei aufeinander zugehen


Während der Unterbringung der Flüchtlinge in der Mehrzweckhalle haben sich viele Gerbrunner als Helfer engagiert. Der Apos­telbrief hat sie nach ihrer Motivation gefragt.

Warum hast Du Dich in deiner Freizeit so aktiv für die Flüchtlinge hier in Gerbrunn eingebracht?

Anne Weidner: Als ich zum ersten Mal in die Augen der Menschen geschaut habe - das war in Lengfeld im Camp - habe ich gespürt, wie glücklich sie hier sind, wenn man sie nur anlächelt. Es kommt so viel Dankbarkeit zurück. Das macht süchtig. In Gerbrunn war es für mich natürlich sehr einfach, spontan etwas zu tun.

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Simone Thüringer: Es gab viele Gründe, die mich bewegt haben zu helfen. Mich lassen die Bilder in den Nachrichten einfach nicht kalt. Es ist klar für mich zu helfen, wenn jemand Hilfe braucht. Egal welche Herkunft – wir sind alle gleich. Flüchtlinge haben dazu unvorstellbar Schreckliches erlebt. Ich wollte helfen, ihr Leben wieder lebenswerter zu machen.

Annette Obrusnik: Ich war einfach neugierig auf die neuen Mitbürger in Deutschland. Ich bin früher viel gereist und fand es spannend, neue Menschen und Kulturen kennen zu lernen. Es ist mir außerdem wichtig, dass sich die Menschen in unserem, ihnen so fremden Land schnell zu Hause fühlen. Nach den schlimmen Erlebnissen in ihrer Heimat sollen sie wieder eine Zukunft haben.

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Welche Situationen haben dich am meisten bewegt, positiv wie negativ?

Anne Weidner: Im Krankenhaus wurden zwei Bewohnern aus dem Aufnahmelager Schweinfurt behandelt. Sie hatten Erfrierungen an beiden Füßen, weil sie tagelang durch den Schnee in der Türkei laufen mussten. Die Bilder waren furchtbar! Und auf der anderen Seite die dankbaren Gesichter. Wenn man sich nur fünf Minuten Zeit nimmt und die „Menschen“ fragt, wie sie heißen und woher sie kommen - dass bedeutet so viel für sie.

Simone Thüringer: Bewegt und auch nicht schlafen lassen haben mich unendlich viele Situationen und Begegnungen. Zu sehen, wie schön Kinder miteinander spielen und sich anfreunden, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Ich habe sehr viele herzliche und liebe Menschen kennengelernt, die mir, ohne mich zu kennen, plötzlich blind vertraut haben. Wir haben auch zusammen die eine oder andere Träne lassen müssen, das hat mich sehr berührt. Ich habe so viele einzelne Schicksale gehört. Es ist unglaublich, dass ein einziger Mensch das je verkraften kann. Auch wenn es viele nicht so sehen, wir haben hier den Himmel auf Erden. Wir können ohne Angst das Haus verlassen und unsere Kinder in die Schule schicken.

Annette Obrusnik: Wunderbar war das zweite Welcome-Treffen in der Apostelkirche, als die Bewohner für uns gekocht haben (Lecker!) und die fröhliche und freundschaftliche Stimmung fast greifbar war. Das war mehr ein Fest als ein Treffen. Ein zweites, sehr schönes Erlebnis erlebte ich im Rahmen meines Deutschunterrichts. Zufällig fiel während einer Lektion das Wort „pünktlich“, welches „meine“ Afghanen, die ich von Beginn an in meinem Kurs habe, sehr lustig fanden. Ich ergriff die Gelegenheit und gab zusätzlich zum Sprachunterricht noch einen Schnellkurs in deutscher Pünktlichkeit und wie wichtig dies hier sei. Am nächsten Tag kam ich in die Halle und da standen „meine“ vier Schüler mit ihren Deutschsachen unter dem Arm strahlend am Eingang und empfingen mich mit den Worten: „Wir pünktlich!“
Negativ empfinde ich, dass es für die Afghanen außer der ehrenamtlichen Tätigkeit keine professionellen Deutschkurse gibt. In meiner Gruppe war ein 19-jähriger, der schon viel kann und sehr lernwillig ist. Nun bin ich zwar Deutschlehrerin, Deutsch für Ausländer habe ich aber nicht studiert. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihm nicht mehr gut genug weiterbringen konnte und das frustrierte mich sehr. Er muss dringend eine Schule besuchen und nicht herumgereicht werden.

Was nimmst du aus diesen sechs intensiven Wochen für dich mit?

Annette Obrusnik: Das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben und ganz, ganz viele wunderbare Begegnungen. Außerdem: Ein neues Rezept, wie man Reis kocht (mit Safran und Kreuzkümmel). Nebenbei war es übrigens auch sehr schön, neue Menschen aus Gerbrunn kennen zu lernen.

Simone Thüringer: Ich nehme für mich mit, etwas gelassener im Leben zu sein. Viele Dinge einfach lockerer zu sehen. Das zu schätzen, was man hat. Ich bin dankbar für jede Begegnung mit den Bewohnern, für den Einblick in deren Kultur. Für interessante Gespräche, für viele wertvolle Stunden, die ich hatte. Und nicht zu vergessen bin ich sehr froh darüber, dass ich so viele tolle Gerbrunner kennenlernen durfte. Wir waren eine so tolle Gemeinschaft. Danke für ein unglaubliches Team!

Anne Weidner: Viel Emotionen, neue Freunde und vielleicht einen Jobwechsel in diesen Bereich.

-jb-

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