Der Apostelbrief

März - April 1997
Nr. 01
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Mai - Juni 1997

Gedanken zu Passion und Ostern

Das Kreuz Christi – ein Lebensbaum

(von Hildegunde Waller)

Wenn das Kreuz als umrankt von Reben dargestellt wird, dann wird etwas verdichtet, was im Erleben freilich nie gleichzeitig da ist, sondern immer nacheinander, als Weg, als Prozeß, Das Kreuz - ein Lebensbaum, das ist eine Aussage, die erst möglich wird am Ende eines langen Weges, so wie mancher im Rückblick auf sein Leben zu schmerzhaften Wendepunkten sagen kann, sie seien eine Wende zu neuem Leben gewesen ...

Kreuz
Die Kirche lehrt, am Kreuz zeige sich die Liebe Gottes. Wer das Kreuz in all seiner erbarmungslosen Brutalität wirklich ernstnimmt, kann dieses weder verstehen noch empfinden. Die Liebe Gottes wird vielmehr erst am Ostermorgen sichtbar, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten spürbar. Erst von dorther, im Rückblick, bekommt das Kreuz seinen heilsamen Sinn als Halte-Signal. Vom Karfreitag her allein ist es nicht möglich, von der Liebe Gottes und vom Evangelium zu sprechen. Stünde das Kreuz allein, bliebe uns, wenn wir aufrichtig wären, nur der Weg des Judas, – ein Todesbaum anstelle eines Lebensbaumes. Liebe kommt da in die Welt, wo der Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Hier spricht der Lebensbaum, der aus dem Tod hervorgegangen ist, in unverwelklicher Kraft. Von ihm durchströmt kann ich sagen: ohne ihn kann ich nichts tun, nichts Wesentliches, nichts Sinnvolles, nichts Heilsames; denn was ich allein zu tun versuchte, endete damit, daß ich andere ans Kreuz brachte. Darum kehre ich um, immer wieder, weg von meinem Weg zum Weinstock, aus dem ich lebe.