Der Apostelbrief

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Nr. 138

Kirchgangsstudie 2019

Welche Faktoren beeinflussen den Gottesdienstbesuch?

Im Auftrag der liturgischen Konferenz wurden zwischen März und Juli 2018 im Rahmen einer Onlinebefragung und ergänzend mit Papierfragebögen 10.378 Personen zu ihrem Kirchgangsverhalten befragt.

Da der Gottesdienst bis heute eine Kernaufgabe und ein Markenzeichen der Kirche ist, wurde diese Studie aufgrund von drei aktuellen Entwicklungen initiiert. Primär wurde in den vergangenen Jahren ein abnehmender Gottesdienstbesuch vor allem am Sonntagmorgen registriert. Zwischen 2006 und 2016 war an den klassischen Zählsonntagen ein Rückgang von 19% und an den traditionell gut besuchten hohen kirchlichen Feiertagen wie z.B. Heiligabend ebenfalls ein Rückgang bis zu 24% zu beobachten. Zum Zweiten hat das gottesdienstliche Angebot in den vergangenen Jahrzehnten eine erhebliche Ausdifferenzierung erfahren. Neben den mittlerweile klassischen Formaten wie Jugend- und Familiengottesdienst sind weitere zielgruppen- und anlassbezogene Gottesdienste wie Krabbelgottesdienst und Kurzandachten getreten. Gemeinsam ist diesen Formaten, dass diese im Monats- oder Jahresrhythmus stattfinden. Und schließlich scheint auch der schnell voranschreitende kirchliche Strukturwandel das gottesdienstliche Leben zu beeinflussen. Aufgrund zunehmender Kirchenaustritte und daraus resultierender Reduzierung der Pfarrstellen, jedoch auch aufgrund des wachsenden Pfarrermangels werden insgesamt weniger Gottesdienste gefeiert.

Was lässt sich über das aktuelle Teilnahmeverhalten sagen? Wann und warum gehen Menschen heute in die Kirche? Was motiviert sie am gottesdienstlichen Leben zu beteiligen und was hindert sie daran?

Folgende wesentliche Ergebnisse lassen sich zusammenfassen:

Die Beteiligung an der Kirchgangsstudie war viel größer als erwartet, was auf das große Interesse und die Auskunftsbereitschaft vieler Menschen in Bezug auf den Gottesdienst hindeutet. Allerdings waren auch über 90% der Teilnehmer Mitglieder der evangelischen Kirche, die sich erwartungsgemäß der Kirche sehr verbunden fühlen.

Im Vordergrund stand die Frage nach der Kirchgangshäufigkeit. 43% der Befragten gaben an mehrmals im Monat einen Gottesdienst zu besuchen. Ein Drittel gaben an mehrmals im Jahr und ein Fünftel wöchentlich einen Gottesdienst zu besuchen.

Ein Großteil nimmt die Pluralisierung des gottesdienstlichen Lebens sehr bewusst wahr und differenziert genau zwischen verschiedenen Gottesdienstformaten, was sich auch auf die Teilnahmefrequenz deutlich auswirkt. Die am häufigsten besuchten Gottesdienste sind die Weihnachtsgottesdienste. Der klassische agendarische Gottesdienst erscheint als Zielgruppengottesdienst nur noch für einen Bruchteil der Kirchenmitglieder attraktiv. Jedoch bleibt er für das allgemeine Image des Gottesdienstes prägend.

Geschlecht, Bildungsstand und Wohnortgröße haben keinen signifikanten Einfluss auf das gottesdienstliche Teilnahmeverhalten, wobei als wichtige Faktoren dagegen das Alter, die Kirchenbindung und der regionale Kontext hervortreten. So wird die grobe Regel „je älter, desto häufiger der Kirchgang“ für den Gottesdienst am Sonntagmorgen und an den kirchlichen Festen bestätigt. In der Familienphase zeigt sich ein insgesamt gedämpftes Interesse am gottesdienstlichen Leben. Regional ist es in der BRD um den Kirchgang im Süden und Osten am besten bestellt, während dieser im Norden und Westen am schwächsten ausgeprägt ist. Interessant ist auch ein Blick auf die beliebtesten Gottesdienstzeiten. Wöchentliche Kirchgänger, ehrenamtlich Engagierte und ältere Menschen befürworten den Gottesdienst am Sonntag zwischen 10 und 11.30 Uhr, während Menschen die nur mehrmals im Jahr in die Kirche gehen sich stärker für alternative Gottesdiensttage wie Freitag oder Samstag oder für Anfangszeiten zwischen 16 und 19 Uhr interessieren. Letzteres gilt besonders für Menschen in der Ausbildungs- und Familienphase.

Die ausschlaggebenden Motive für oder gegen den Kirchgang hängen stark mit der eigenen Religiosität und der Gottesdienstgestalt zusammen.

So sind die Gottesdienstatmosphäre, die positive Wirkung auf den eigenen Glauben, das Interesse an der Predigt und die Wertschätzung der hauptamtlichen Pfarrpersonen wesentlichen Faktoren für die Motivation, einen Gottesdienst zu besuchen. Als äußerliche Faktoren, die das Teilnahmeverhalten weniger beeinflussen, werden Zeitmangel und der Gemeinschaftsaspekt hervorgehoben.Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Menschen, die eher selten am Gottesdienst teilnehmen, positiv auf konkrete und persönliche Einladungen reagieren.

Grundsätzlich hat für die meisten Menschen die kindliche Gottesdienstsozialisation wahrnehmbare Auswirkung auf das Gottesdienstverhalten der Gegenwart. Ein positives und regelmäßiges Erleben von Gottesdiensten in der Kindheit scheint zu einer engeren Bindung an die evangelische Kirche im Erwachsenalter zu führen. So sind insbesondere die über 60-jährigen viel häufiger vom Kindergottesdienst bzw. vom Besuch des Gottesdienstes als Kind geprägt als jüngere Generationen.

Und schließlich ist der Gottesdienstbesuch auch soziale Praxis: Menschen, die selten zum Gottesdienst gehen, gehen nicht gerne alleine. Frauen gehen häufiger mit Angehörigen, Freunden oder auch alleine zur Kirche, Männer eher mit der Partnerin. Paare sind die größte Stütze des wöchentlichen Kirchgangs.

Der wichtigste Informationsweg über das Gottesdienstangebot vor Ort ist immer noch der Gemeindebrief, allerdings dicht gefolgt vom Internet. Als Ort für den Gottesdienst steht die Kirche in der Wohngemeinde an erster Stelle gefolgt von den Kirchen in der Umgebung.

Weitere Detailinformationen zu dieser Studie, die das gottesdienstliche Leben als Ganzes in den Blick nimmt, können dem Ergebnispapier auf der Internetseite der Liturgischen Konferenz entnommen werden.

-HS-